Fremd im eigenen Land
- Eliane Fischer
- 11. Dez. 2019
- 3 Min. Lesezeit
"Persepolis" von Marjane Satrapi ist eine DER Graphic Novels. Weshalb sich die Lektüre der autobiografischen Geschichte über ein Mädchen aus dem Iran lohnt, erzähle ich euch in diesem Beitrag.

Auf den Geschmack von Graphic Novels gebracht hat mich Trude von Literaturpower mit ihrem Gastbeitrag über diese unterschätzte Kunstgattung. In ihrem Artikel erwähnt sie auch Marjane Satrapis "Persepolis", das man getrost zu den Klassikern unter den Graphic Novels zählen kann. 2007 kam "Persepolis" unter Satrapis Regie als Animationsfilm in die Kinos, wurde mehrfach ausgezeichnet und löste in einigen arabischen Ländern gar politische Kontroversen und Proteste aus. Weshalb, erfahrt ihr, wenn ihr im Folgenden mehr über die Graphic Novel lest. Hier schon mal ein kleiner Einblick mit dem deutschen Film-Trailer:
Eine Autobiografie in Bildern
In "Persepolis" erzählt Marjane Satrapi ihre eigene Geschichte von ihrer Kindheit im Iran bis zur Emigration nach Frankreich. Die Geschichte setzt 1980 ein, als Marjane - kurz: Marji - 10 Jahre alt war und der Iran gerade die Islamische Revolution von 1979 erlebt hatte. Wir erfahren mit dem kindlichen Blick von Marjane, wie sich das Leben der modernen, weltoffenen Familie mit der Revolution veränderte, wie die anfängliche Euphorie über die Emigration des Schahs, der Enttäuschung wich, dass nun nicht alles besser, weltoffener, freier, frauenfreundlicher wurde. Im Gegenteil: Am Ende blieben Wut, Verzweiflung, heimliche Opposition und der Entschluss, die erst 14-jährige Tochter zu ihrem eigenen Schutz ins Exil nach Österreich zu schicken.
Durch Satrapis Erzählung kriegen wir ein vielschichtiges Bild davon, wie es damals war, im Iran aufzuwachsen, wie weit das Bild der iranischen Gesellschaft in der Öffentlichkeit und das tatsächliche Leben hinter verschlossenen Türen (mit Musik, Alkohol und ohne Kopftuch) auseinander gingen. Wie die Revolution und der darauffolgende Krieg mit dem Irak die freundlichen Nachbarn plötzlich zu Gegnern (weil sie einem verraten könnten) machen konnten. Wie das Leben von Familienmitgliedern nicht nur bedroht, sondern tatsächlich dem totalitären Regime zum Opfer fallen konnte. Und wie unterschiedlich Personen auf die religiöse Tyrannei reagierten - von offener Opposition bis hin zur fanatischen Verteidigung.
Befreiung in Wien
Marjanes Zeit in Wien fiel genau mit der Zeit ihres Erwachsenwerdens zusammen und war so besonders spannend. Doch ihr Aufenthalt in der westlichen Welt wurde nicht einfach zu einem Befreiungsschlag - wie man sich das als Europäer*in - vorstellen könnte. Natürlich genoss sie in Österreich nie gekannte Freiheiten, aber sie machte auch die Erfahrung, wie schwierig es ist, sich hier zu integrieren, echte Freunde zu finden, sich ein neues Netz aufzubauen und so landete sie am Ende sogar auf der Strasse.
Zurück in der Heimat
Schliesslich kehrte sie in den Iran zurück, wo der letzte Teil der Gesamtausgabe spielt. Die alte Heimat war ihr nun aber wiederum fremd geworden und sie eckte mit ihrem westlichen Verhalten sowohl bei ihren Freund*innen als auch an der Universität und natürlich bei den Religionswächtern ziemlich an. In diesem Teil werden wir Zeuge ihres Kampfes zwischen Selbstbestimmung, der Suche nach der grossen Liebe, der beruflichen Orientierung und dem Zurechtfinden in einem totalitären Regime, das für Frauen nur einen Lebensentwurf vorsah: das Dienen als treue, religiöse, züchtige, unterwürfige Ehefrau und Mutter. Kein Wunder entschied sie sich abermals für die Emigration und verliess 1994 den Iran in Richtung Frankreich, wo sie heute noch lebt.
Der Comic und der gleichnamige Animationsfilm stiessen bei der Iranischen Regierung verständlicherweise auf wenig Gegenliebe. Nicht nur wird Allah darin als alter Mann mit weissem Bart dargestellt, auch die Islamische Revolution kommt alles andere als gut weg.
Reduzierte Bildsprache
Wie ihr an den Fotos aus dem Buch und am Trailer zum Film sehen könnt, ist die Bildsprache von "Persepolis" ganz einfach. Satrapi verwendet nur Schwarz und Weiss, die Linien sind klar. Die schlichte Darstellung nimmt der Erzählung aber nichts von ihrer Intensität.
Fazit
"Persepolis" von Marjane Satrapi gehört nicht umsonst zu den Klassikern unter den Graphic Novels. Die autobiografische Geschichte ist zugleich eine Geschichte des Irans nach der Islamischen Revolution, die Geschichte des Erwachsenwerdens, die Geschichte einer Emigration und die Geschichte eines selbstbestimmten Lebens in einem totalitären System. Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung!
Die Fakten
Marjane Satrapi (Illustration + Text)
Stephan Pörtner (Übersetzung aus dem Französischen)
Edition Moderne
356 Seiten Erschienen im Oktober 2013
ISBN: 978-3-03731-117-2
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